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Von Alice Müller
Dienstag, 25. Mai 2010
Kommunismus im Museum
Sturm und Wasser machten in der vergangenen Woche auch vor dem Freilichtmuseum Szentendre nicht halt. Dächer wurden abgedeckt, der Sztaravoda-Bach trat über die Ufer und unterspülte die Schienen der Museumseisenbahn. Die Leitung des Freilichtmuseums wandte sich an den Staatlichen Kulturfonds mit der Bitte, Mittel für die Behebung der Schäden zur Verfügung zu stellen.
Glück im Unglück hatte das Freilichtmuseum dennoch. Denn in der zweiten Junihälfte soll eine neue geografische Einheit, die den Norden Ungarns repräsentiert, eröffnet werden. Die Unwetter unterbrachen lediglich die gegenwärtigen Einrichtungsarbeiten, da das Gelände schwer begehbar war.
Es ist eine Besonderheit des Freilichtmuseums Szentendre, dass die unterschiedlichen Regionen Ungarns in je einem getrennten Dorf aufgebaut werden, wobei die Anordnung der Häuser des Dorfes auch den Gepflogenheiten der Region entspricht. Für die neue Einheit der Palóc-Gegend wurde ein Taldorf konstruiert, das an einem Bach liegt. Zwischen den Häusern findet man auch eine Höhlenwohnung, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs als Zuflucht genutzt wurde. Im Übrigen wurden Häuser aus Márianosztra, Karancskeszi und Nemesradnót an ihrem ursprünglichen Ort abgetragen und in Szentendre wieder aufgebaut. Die Ausstellungsgegenstände dieser Räume stammen ausschließlich aus diesen Dörfern. Museumsdirektor Miklós Cseri zeigte sich bei einer Pressekonferenz am vorvergangenen Donnerstag besonders stolz darüber, dass zum ersten Mal eine Kooperation mit einem Nachbarland zu Stande kommen konnte, liegt doch das überwiegend von Ungarn bewohnte Nemesradnót heute in der Slowakei. Interessant ist dieses Dorf auch für Literaturfreunde, weil der Vater des Dichters Miklós Radnóti aus Nemesradnót stammte.
Neue Anforderungen
der Museumspädagogik
Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Wirtschaftlich war es eine schwierige Zeit, die die Bewohner des Nordens dazu zwang, sich neue Erwerbskanäle zu öffnen. Typische Beschäftigungen waren damals Korbflechter, Brezelbäcker oder Drahtflicker. Andere zogen als Erntehelfer in den Süden, um dort bei den reicheren Bauern der Tiefebene den Unterhalt für die Familie zu verdienen.Doch nicht nur der Anfang des 20. Jahrhunderts wird präsentiert, vielmehr wagt das Freilichtmuseum auch, eine Wohnzimmereinrichtung eines Bauernhauses aus frühen Jahren des Kommunismus zu zeigen. „Eine statische Ausstellung, die nur ein einziges Bild von früher zeigt, entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen der Museumspädagogik“, sagt Zsuzsanna Batári, die für die Konzeption der Landschaftseinheit verantwortlich ist. „Die Leute möchten eher wissen, was aus bestimmten Sachen und Bräuchen geworden ist und wozu etwas genutzt wurde.“
Dachboden als Fungrube
für Museologen
In dem neuen Teil des Museums versucht man, sich auf diese neuen Bedürfnisse einzustellen. So werden Küchengeräte aus den verschiedensten Zeiten nebeneinandergestellt, damit man selbst Vergleiche ziehen kann. Damit der Nutzen eines alten Gegenstands offensichtlich wird, bemüht sich das Museum darum, alles anfassbar zu machen und in einen entsprechenden Kontext zu stellen. „Wenn ich ein Gitter, auf dem Brot nach dem Backen gekühlt wurde, ohne diesen Zusammenhang – das heißt ohne das Brot – ausstelle, weiß niemand, wozu das gut war.
Wenn ich ein Brot darauflege, wissen es alle, ohne dass man eine Erklärungstafel schreiben muss“, erklärt Zsuzsanna Batári. Auch die Rekonstruktionsarbeit der Museologen soll begreiflich werden: Ein Bauernhaus wird zum Teil mit einer Glaswand ausgestattet, so dass Besucher die Struktur der Wand betrachten können. Außerdem kann man auf den Dachboden des Hauses klettern und dort fündig werden. Miklós Cseri erklärt die Bedeutung des Dachbodens: „Ein Gegenstand, der im 18. Jahrhundert alltäglich war, beispielsweise eine Trage, wird in der nächsten Generation für etwas anderes genutzt, weil sich die Gewohnheiten ändern. Also wird aus der Trage ein Trog, der dann in der nächsten Generation wieder ganz anders verwendet wird, bis er schließlich auf dem Dachboden landet, weil man nicht weiß, was man damit machen soll. Das heißt, man findet recht häufig Sachen aus dem 18. Jahrhundert, man muss sie nur erkennen und wissen, was ihr eigentlicher Zweck war. Die Eigentümer sind dann häufig selbst überrascht, dass sie so etwas herumliegen haben.“
Zwar wird der Bereich planmäßig erst Mitte Juni eröffnet, doch bereits jetzt kann man sich einen Eindruck von der neuen Landschaftseinheit machen: Auf der Internetseite des Freilichtmuseums gibt es eine virtuelle Tour durch das neue Dorf. Die neuen Medien sollen auch nach der Eröffnung eine wichtige Rolle übernehmen. „Wir haben Dokumentationsfilme gedreht, in denen die alten Handwerkstechnologien gezeigt werden“, so Zsuzsanna Batári. „Außerdem wird es einen Raum mit Fotos geben. Auf Touchscreens können die Besucher dann die Geschichten zu den Fotos erfahren.“
Nun bleibt also nur zu hoffen, dass die Sturmschäden in Höhe von rund 50 Millionen Forint bis Juni beseitigt werden können, damit sich das Freilichtmuseum bei der Eröffnung des neuen Teils von seiner besten Seite zeigen kann.