(c) Pester Lloyd / 31 - 2010 WIRTSCHAFT 05.08.2010
Audi Ungarn erwirbt ein naturgeschütztes Grundstück - wofür?
Die ungarische Sparte des Automachers Audi scheint Großes vorzuhaben. Wie jetzt bekannt wurde, hat Audi Hungária bereits am 28. Juni den Kaufvertrag über ein ca. 200 Hektar großes Landstück in der Nähe der nordwestungarischen Stadt Győr unterschrieben. Das ehemalige Militärgelände steht allerdings eigentlich unter Naturschutz, soll aber bald umgewidmet werden. Auf Anfrage verweigert das Unternehmen bisher jede Auskunft über die Pläne für das Areal.
Audi Hungária ging als Gewinner einer öffentlichen Ausschreibung hervor, die als Last-Minute-Aktion der sozialistischen Regierung unter Premier Gordon Bajnai im April angeleiert worden war. Informationen der ungarischen Wirtschaftszeitung Napi Gazdaság zufolge, soll Audi 6,5 Milliarden HUF (etwa 23 Mio. Euro) für das staatseigene, vom Verteidigungsministerium verwaltete Grundstück bezahlt haben. Da das Unternehmen bereits im Besitz eines etwa 170 Hektar großen Grundstücks (das bisher auch nur zu etwa 40 Hektar tatsächlich bebaut wurde) in Győr ist, stellt sich jetzt die Frage, wozu Audi die weiteren 2 Quadratkilometer Land nutzen will.
Die Anlagen von Audi Hungária in Győr sind wie eine eigene Stadt.
Rund 5.700 Mitarbeiter sind hier beschäftigt.
Es wäre etwa denkbar, dass der deutsche Autobauer seine Motorenproduktion in Győr mit einem weiteren Werk ausdehnen will, immerhin hatte das Unternehmen immer davon gesprochen zum zentralen Motorenhersteller des VW-Konzerns werden zu wollen. Auch ein Forschungs- oder Logistikzentrum wären möglich, ersteres hatte Audi vor wenigen Tagen als Investition für dieses Jahr angekündigt. Zsolt Révi, Chefarchitekt der Stadt Győr, sagte der Napi Gazdaság, dass das von Audi erwobene Land im Rahmen der Planung eines größeren Logistik- bzw. Industrieparks in jedem Fall bald für bebaubar erklärt werden wird. Zu näheren Auskünften über die konkreten Investitionspläne des Autokonzerns war Révi aber nicht bereit. Auf Anfrage des Pester Lloyd erklärte die PR-Abteilung von Audi lediglich lapidar, dass man den bisherigen Medienberichten nichts hinzuzufügen hätte, den Landkauf aber bestätigt.
Neben der Motorenfertigung für den gesamten VW-Konzern werden in Györ auch Autos zusammengeschraubt, die TT-Reihe (Coupé und Rodster) sowie die A3 Cabrios.
Was auch immer der Konzern jedoch plant, könnte Probleme bringen. Das erworbene Grundstück, das einst als Schießplatz der ungarischen Armee diente, steht nämlich unter Naturschutz und ist teil des EU-Umweltprojekts Natura 2000, welches ein Netzwerk aus verschiedenen Naturschutzgebieten etablieren soll. Die Entscheidung, ob das fragliche Gebiet seinen Schutzstatus verliert, obliegt daher auch der EU. Es wäre allerdings nicht das erste Mal, dass man Umweltbelange wegen wertvoller neuer Arbeitsplätze einfach beiseite schiebt, immerhin ist Audi der größte Arbeitgeber und Steuerzahler der Region.
Auch denkbar, dass sich Audi geniert zuzugeben, dass mit neuen Arbeitsplätzen in Ungarn eventuell alte Arbeitsplätze an anderen Standorten ersetzt werden, was die Geheimniskrämerei erklären könnte. Immerhin debattiert man in Deutschland gerade, dass die Autokonzerne die Abwrackprämie an den Staat zurückzahlen sollen, da macht es sich nicht so gut, wenn man weitere Kapazitäten ins Ausland verbringt. Eines dürfte aber klar sein: einen Kräutergarten oder Krötenschutzbiotop wird Audi wohl kaum auf seinem neuen Grundstück anlegen.
-cp. / -red.