Neues Ungarnforum - das Forum für Residenten in ganz Ungarn
#1

Keiner kennt Pécs

in Südungarn 26.08.2010 19:33
von Peterbacsi (gelöscht)
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Sendung heute in 3Sat Kulurzeit 19:30
Die Kulturhauptstadt 2010 in Ungarn

Keiner kennt Pécs? Aber woran liegt das? Dabei hatten die Ungarn zum feierlichen Beginn des Kulturhauptstadtjahres 2010 doch alles aufgeboten: römische Wagenrennen, tanzende Derwische, feurige Puszta-Folklore und sogar Weltstar Placido Domingo.
Placido Domingo erklärte bei der Eröffnung: "Liebe Freunde. Der Moment ist gekommen, in dem Ihr Eure Stadt, Eure Kultur und Eure Werte Europa zeigen könnt." Doch in der Stadt selbst sieht man vor allem eine Baustelle neben der anderen. Und das ist keine Performance, sondern Pécs ganz real. Sechs Monate nach der Eröffnung ist nichts fertig geworden. Die Organisatoren sprechen mittlerweile beschwichtigend von "work in progress", und sie erklären Baustaub, Lärm und Absperrungen mal eben zum eigentlichen Gesamtkunstwerk. Die Pécser selbst suchen nach Erklärungen.


Ein Bauarbeiter ist überzeugt: "Wir haben unser Material zu spät erhalten, einen Monat mussten wir aussetzen, bis alles aus China angekommen war. Aber wir arbeiten jetzt trotz Hitze 14 bis 15 Stunden. Ich glaube, bis zum Wochenende sind wir fertig." Einer Security-Mitarbeiterin ist es richtig peinlich: "Wir haben auch gedacht, dass alles viel schneller fertig wird. Aber es ist einfach etwas dazwischen gekommen. Ich weiß nicht, woran das liegt."

Charme des UnfertigenVon den fünf Großprojekten in der Stadt ist nur eines fast fertig geworden: die Sanierung der historischen Innenstadt. In der beeindruckenden Konzerthalle mit 1000 Plätzen sollen allerdings schon Weihnachten 2010 die ersten Töne erklingen. "Ganz sicher", heißt es. Und das gigantische Gelände der "Zsolnay-Porzellanmanufaktur" könnte 2011 als Kulturzentrum eröffnet werden. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Pécs verkörpert den Charme des Unfertigen.

Das Scheitern hat Gründe: Zwei Bürgermeister sind gestorben, drei Direktoren wurden verschlissen, vier Projekte gestoppt. Und weil ein konkretes Konzept fehlte, sagt Gabor Csordas, Ungarns renommierter Verleger mit Sitz in Pécs: "Die Kontrolle über das ganze Projekt ging in die Hände der lokalen Behörden, das heißt, in die des Rathauses. Die Verwaltung ist nicht kompetent in solchen Fragen. Es gab kein Konzept. Wir träumten von Pécs als kulturellem Zentrum Südosteuropas, 'Das Tor zum Balkan'. 90 Prozent des Etats wurde vor Ort ausgegeben, was keinen Sinn machte. Das ist der Grund, warum niemand außerhalb von Pécs von uns erfuhr."

Was für eine Chance. Dabei symbolisiert Pécs 2000 Jahre wechselvolle europäische Geschichte: Von den Römern über die türkische Herrschaft bis zur Glanzzeit der k.u.k.-Ära in der Habsburger Zeit. Pécs war und ist traditionell eine Stadt der Minderheiten: deutsche Donau-Schwaben, Griechen, Juden, Sinti, Roma, Rumänen, Kroaten, Serben - im kroatischen Theater wird Tschechow abwechselnd auf Ungarisch oder Kroatisch gespielt. Die Vorstellungen sind immer ausverkauft. In Pécs, auf Deutsch Fünfkirchen, lebt man heute tatsächlich ein Europa ohne Grenzen und fühlt sich keineswegs in einer Randlage.

"Die da in Brüssel" an allem SchuldAuffällig ist, dass 85 Prozent des Etats für die Kulturhauptstadt in Pécs aus EU-Fördermitteln stammt - mehr als 150 Millionen Euro. Doch vom Europa der EU wollen die Ungarn heutzutage nichts mehr wissen. Eine große Mehrheit schimpft auf "die da in Brüssel". Die Ungarn haben vor kurzem eine rechte Regierung gewählt. Der Nationalismus treibt seltsame Blüten. Europa sei an allem Schuld: an Finanzkrise, fehlenden Jobs und drohendem Staatsbankrott.

Das Signal aus dem multikulturellen Pécs spricht eine andere Sprache: Das Kulturjahr sorgt für neue Jobs, mehr Motivation und Spaß - trotz aller Pleiten, Pech und Pannen. Und in Pécs wird noch gelacht. Aber kann Kultur tatsächlich den Weg aus der Krise führen? Verleger Gabor Csordas ist skeptisch: "Die zentralen Punkte der ungarischen Rechten sind Antisemitismus und Hass gegen Sinti und Roma", sagt er. "Sie sind überwiegend Rassisten, aber keine Anti-Europäer. Ich würde die multinationalen Konzerne viel schärfer kritisieren. Denn für sie ist Ungarn eine Art 'Hinterhof des europäischen Kapitalismus'. Sie tun viele Dinge, die sie nicht wagen, bei sich selbst zu tun. Das passiert nicht in ihren Salons."

Zurück auf die kulturelle LandkarteKeiner kennt Pécs - noch immer. Trotz der mehr als 4500 Veranstaltungen scheint sich das nicht mehr zu ändern. Ob die Menschen in Pécs lieber unter sich bleiben? Eigentlich nicht: Die Stadt will zurück auf die kulturelle Landkarte Europas. Aber vielleicht gelingt das in den nächsten Jahren.


Bis später
Admi Peter
Uj.Magyar@online.ms


Sollten Ihnen meine Aussagen zu klar gewesen sein, dann müssen Sie mich missverstanden haben. Alan Greenspan



zuletzt bearbeitet 26.08.2010 19:39 | nach oben springen

#2

RE: Keiner kennt Pécs

in Südungarn 27.08.2010 12:43
von 666 • Mitglied | 197 Beiträge

...und das ist wirklich schade!

Wir haben Pécs im Sommer einen Besuch abgestattet und können jetzt schon sagen: "Wir kommen wieder und dann länger!".
Ein Abstecher nach Pécs ist absolut empfehlenswert und alleine die Altstadt einen ausgedehnten Besuch wert.

Aber ansonsten ist der Bericht "leider" absolut zutreffend. Wir können Bestätigen: "Baustelle an Baustelle!".

Na mal sehen, was sich bis nächsten Sommer getan hat, denn dann sind wir auf jeden Fall wieder dort.


Echte Männer essen keinen Honig - sie kauen Bienen!


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