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Von Csikós, Gulyás und Zackelschafen. Unterwegs in Ungarn: Hortobágy

in Ungarn Reisen, Land & Leute 07.05.2009 16:07
von Peterbacsi (gelöscht)
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Die Hortobágy, gemeinhin als Puszta verallgemeinert, beheimatet die meisten Ungarn-Klischées pro Quadratmeter. Nur an wenigen Orten findet sich heute noch die ursprüngliche Grassteppe, daher ist eine Reise diese unzähmbare Gegend allemal wert.

„Flach wie das Meer“ träumte schon der große ungarische Dichter Sándor Petôfi. Kein anderer Landstrich Ungarns inspirierte eine solche Vielzahl an Volksliedern, Gedichten und Prosaschriften wie die Puszta, die so wild und weit war, dass jahrhundertelang niemand sie wirklich zu zähmen wusste.



Tradition oder Kitsch? - Was ist die Alternative?

Doch mit der Trockenlegung und der Kultivierung des Bodens Ende des 19. Jahrhunderts wurde die ursprüngliche Auenlandschaft zunehmend verdrängt. Nur an wenigen Orten findet sich heute noch die ursprüngliche Grassteppe – so zum Beispiel im knapp zwei Stunden von Budapest entfernten 2.000-Einwohner-Städtchen Hortobágy. Der inmitten des größten Naturschutzgebietes Ungarns liegenden Ortschaft gelang es die artenreiche Schönheit zu bewahren. Sie versetzt den Besucher zurück in frühere Zeiten.

Durch die Rückbesinnung auf alte Traditionen und die Einführung eines sanften Öko-Fremdenverkehrs gelingt der Spagat zwischen touristischer Erschließung und Bewahrung des einmaligen Kulturerbes.

Der Planwagen mit den zwei schwarzen Pferden ruckelt durch die unendliche Weite, vorbei an hölzernen Ziehbrunnen sowie Rinder- und Schafherden hütenden Hirten, die in ihren blauen Trachten einer anderen Welt zu entstammen scheinen. Man fühlt sich fast wie im Märchen, wie in einer anderen Zeit, in der es noch keine Autos gab, und keine Fernseher, und der raue Alltag noch draußen stattfand.

Der 1973 gegründete Hortobágyi Nemzeti Park (Hortobágyer Nationalpark) zieht mit seinen abertausenden Farben und seinen Ausmaßen wohl jeden Besucher in den Bann. Der erste und mit 52.000 Hektar größte Nationalpark Ungarns ist die größte, natürliche, zusammenhängende Grassteppe Europas. Geschaffen über Jahrtausende durch Überschwemmungen der Tisza (Theiß), erstreckt sich das Gebiet über jenen Teil der Großen Ungarischen Tiefebene zwischen dem Fluss und dem Lößrücken von Hajdúság.

Die Salzsteppe war für den Ackerbau schon immer vollkommen ungeeignet und so entwickelte sich stattdessen über Jahrhunderte hinweg eine einzigartige Kultur der Weidewirtschaft. Trotz extremer Wetterbedingungen wurde das Vieh fast das gesamte Jahr frei auf der Ebene gehalten und mit der Zeit entwickelte sich so in der Puszta eine eigene Hirtentradition, deren Brauchtümer von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Noch heute gibt es in Hortobágy und den umliegenden Gemeinden Familien, die vom Urgroßvater bis zum Enkel „Csikós“ (Pferdehirten) oder „Gulyás“ (Rinderhirten) sind.

Neben den zahlreichen Touristenvorführungen für die jährlich rund 150.000 Puszta-Besucher sind die Männer tatsächlich immer noch hauptberufliche Hirten und Viehzüchter, die ihren gesamten Tag in der wilden Weite verbringen.

Entdeckung alter Tugenden

In früheren Zeiten wurden jährlich fast 100.000 Rinder nach Süddeutschland und Norditalien getrieben, heutzutage gibt es immerhin wieder knapp 200 Hirtenfamilien aus 22 Gemeinden der Region, die 9.000 Rinder, 50.000 Schafe und 350 Pferde bewirtschaften. Noch in den 1970er Jahren schien diese Entwicklung undenkbar. Der Bestand der alten Tierrassen war dramatisch zurückgegangen und es schien fast so, als würde die jahrhundertealte Tradition auf immer verloren gehen. Zum Glück kam es nicht so weit, die Gemeinden machten es sich zur Aufgabe, die früheren Zeiten wieder zum Leben zu erwecken, die vergessenen Bräuche wiederzuentdecken und die einzigartige Pusztalandschaft zu schützen.

Einer der Hauptverantwortlichen für die Rückbesinnung auf alte Tugenden ist die Hortobágyer Gemeinnützige Gesellschaft für Naturschutz und Generhaltung (Hortobágyi KHT), die auf einem Fünftel des Nationalparks weitgehende Aufgaben im Bereich des Naturschutzes durchführt und die ihre eigene kleine Revolution startete – die Umstellung des traditionellen Agrarwesens auf eine Öko- Wirtschaft.

Mittlerweile bewirtschaften insgesamt 320 Mitglieder des Verbandes der Kelet-Magyarországi Biokultúra Egyesület (Verband der Ost-Ungarischen Bio-Kultur) 40.000 Hektar des Landes ökologisch. Gerade in einer Zeit der Rückbesinnung vieler Menschen auf eine natürlichere und gesundheitsbewusste Lebensweise scheint sich dieses Konzept zu bewähren. Die „Hortobágyer Feurige Bio-Büffel-Salami“ und die „Hortobágyer Bio-Zackelschaf-Salami“ stoßen auf rege Nachfrage.

Neben der erfolgreichen Umstellung ist man in Hortobágy besonders stolz auf das Mátaer Gestüt, das circa zwei Kilometer entfernt vom eigentlichen Dorf entfernt liegt. Vor 300 Jahren von der freien königlichen Stadt Debrecen gegründet, ist es heute eines der bedeutendsten Pferdezuchtzentren Ungarns und eines der großen Symbole der Puszta. Hier widmet man sich insbesondere der Erhaltung der alten Nonius-Rasse, aber auch der Aufzucht einer neuen ungarischen Sportpferderasse.

Die Hauptattraktion des Gestüts für Touristen ist aber wohl die Ausflugsmöglichkeit in die Puszta – hoch zu Ross oder im Planwagen.

Kitsch oder Tradition

Nun lässt sich darüber streiten, ob die kühnen Männer in ihren blauen Mänteln bei ihren noch kühneren Reitvorführungen wirklich das authentische Hirtentum vor 100 Jahren darstellen. Ob die Zucht von neuen Sportpferderassen dem Anspruch des Bewahrens der alten Traditionen genügt. Oder ob das „authentische Hirtenmahl bei Zigeunermusik“ im alten Gasthof ein bisschen zu sehr die Grenzen des Kitsches erreicht.

Die Frage, die man sich jedoch viel eher stellen sollte: Was wäre die Alternative dazu? Es sind vielleicht gerade die romantische Nostalgie und das Gefühl in eine Traumwelt eintauchen zu können, welches die meisten Touristen in die Region locken wird – und damit auch das Geld, das dringend nötig ist, um auch in Zukunft den Naturpark am Leben zu erhalten.

In Verbindung mit der selbst auferlegten Verpflichtung zum ökologischen Wirtschaften in Einklang mit der Natur hat Hortobágy gerade den Weg gewählt, der auf lange Sicht die Schönheit der unbändigen Puszta bewahren wird.

Lea Steinrücke

Weitere Informationen:
http://www.hnp.hu/index_de.php

Programmtipps für das Jahr 2009 in der Hortobágy

• 16.Mai, Dorffest Hortobágy: Zentrum
• 30.Mai bis 1.Juni, 2009 Hirtenfest:
30.Mai, XIII. Nationaler Hirtenwettbewerb(„Gulyásverseny“) und Treffen Hortobágy: Tierpark
31.Mai, XLIV. Internationale Reitertage und III. Hirtentanzturnier Hortobágy: Mátaer Gestüt
• 13.Juni, Tag der Schmalspurbahn Hortobágy-Halastó
• 4. Juli, VI.Lauffest „Fata Morgana“
• 20. bis 23. August, Hortobágy Brückenmarkt Hortobágy:Marktplatz
• 19. und 20. September, Hirtenhunde-Treffen Hortobágy: Tierpark
• 3. Oktober, Stiermarkt der Graurinder Hortobágy Tierpark
• 17.Oktober, Festival der Kraniche Besucherzentrum des Nationalparks
• 28.November, Hirtenadvent, Fest des Vieheintriebs Neunbogenbrücke, Hortobágy

Hier gefunden


Bis später
Peter



Ein Schmeichler ist ein Freund, der dir unterlegen ist oder vorgibt, es zu sein. Aristoteles


Danke an Willy für die vielen Komplimente wegen des Bildes ich hab noch andere
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