Ein Beitrag vom 9.12.2011 in 3Sat 19:30 Kulturzeit
Bezieht sich auf das Buch von
Klaus-Michael Bogdal ""Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung" Suhrkamp Verlag 2011 ISBN-13: 978-3518422632
Die Ausgrenzung der Sinti und Roma ist für Bogdal ein "Musterbeispiel, an dem wir
lernen können, wie Desintegration vor sich gehen kann". Sie wurden als zivilisationsfern, schmutzig, kultur- und geschichtslos ausgegrenzt: die Zigeuner, das verachtete Volk, das bis heute
nicht angekommen ist in Europa. Der Bielefelder Literaturprofessor Klaus-Michael Bogdal hat ein spannendes Buch darüber geschrieben, wie Europa die Zigeuner - heute Sinti und Roma - erfand.
So kennen wir sie die feurige Zigeunerin: Die "Carmen" in Francesco Rosis gleichnamigem Film von 1984 ist eine wilde Schönheit - provokant, barfüßig. Sie verstößt gegen alle Konventionen, nimmt sich die Männer, wie es ihr passt. Ihr Volk - heute würde man Sinti und Roma sagen - führt ein Leben jenseits bürgerlicher Enge: verrucht, kriminell. Und natürlich muss "Carmen" sterben. Denn so eine asozial freie Kreatur hat eigentlich keine Existenzberechtigung. Wie viele Zigeunerfiguren wird "Carmen" von ihrem schreibenden Erfinder umgebracht.
Verachtung über Jahrhunderte herangereift"Für das 19. und 20. Jahrhundert entwickelt die Literatur eliminatorische Fantasien", sagt der Autor Klaus-Michael Bogdal. "Man erschreibt sich gewissermaßen das Drehbuch 'Die Vernichtung des 20. Jahrhunderts'. Das kann man an vielen Beispielen zeigen. Man erschreibt die 'Lizenz zum Töten'." Als Asoziale, rassisch Minderwertige und Kriminelle werden Sinti und Roma wie andere Holocaust-Opfer im Dritten Reich deportiert und in den Konzentrationslagern ermordet. Die Verachtung ist in den Köpfen der europäischen Mehrheitsgesellschaft über sechs Jahrhunderte herangereift - von Literaten erschaffen. Klaus-Michael Bogdal hat sie ergründet.

© ap Sinti und Roma sind
Außenseiter - von Beginn an"Diese lange Geschichte ist ein wichtiger Spiegel unserer Gesellschaft", sagt er. "Das kann man sehr deutlich sehen - und das war für mich als Literaturwissenschaftler das Bedrückende, das Erschreckende - das sich das vor allem im Bereich der Kultur ereignet." Bogdal hat in zahllosen Archiven Dokumente über ein Volk gefunden, das im 15. Jahrhundert in Europa einwandert - Außenseiter von Beginn an. Sie selbst haben keine Schriftsprache - andere schreiben über sie - und das ist fast nur negativ: Spione, Diebe, Mörder. Man fürchtet sie als Vorhut von Kriegern, projiziert eine tödliche Bedrohung in eine kleine friedliche Gruppe - Integration unerwünscht. "Wir haben einen Flickenteppich von Kleinstaaten in Deutschland", so Bogdal. "Über einen langen Zeitraum werden diese Gruppen von Kleinstaat zu Kleinstaat getrieben. Sie überschreiten die eine Grenze, werden dann wieder zur nächsten abgeschoben, mit drakonischen Strafen bedroht. Es gibt überhaupt keinen Versuch, da eine Integration zu erreichen."
TV-Serie "Arpad" will faires Zigeunerbild zeigenIn den 1970er Jahren zeigt die populäre Fernsehserie "Arpad, der Zigeuner" ein realistisches Bild. Sie spielt im 18. Jahrhundert. Die Zigeuner sind vogelfrei. Doch der Held Arpad ist schön, selbstbewusst und klug - ein Robin Hood der Zigeuner. Kriegerische Österreicher terrorisieren Ungarn. Die Zigeuner geraten zwischen die Fronten. "Arpad" ist ein Versuch unserer Zeit, ein halbwegs faires Zigeunerbild zu zeigen. Die Österreicher kriminalisieren den unschuldigen Zigeuner, spiegeln das gängige Klischee. "Das sind die Menschen der Wälder, der Steppen, der Heiden, der Wege", so Bogdal, "denen man von vorneherein überhaupt kein zivilisatorisches Potential zugesteht."
Daran ändert auch das romantische Bild des Zigeuners nichts, das im 19. Jahrhundert parallel zur Verachtung entsteht. Bis heute nährt der naturnahe Zigeuner die Sehnsucht nach einem freien Leben jenseits der Zivilisation. In einem Fernsehkommentar von damals heißt es: "Für einen Zigeuner ist die Arbeit um der Arbeit willen einfach unvereinbar mit der Würde des Menschen. Was für eine tiefe Weisheit, die eine ganze Industrie von Chemie und Arzneimitteln ersetzt." Zugleich irritiert die Darstellung des lustigen Zigeuners wenige Jahre nach dem Holocaust. "Da wurden eigentlich immer fröhliche, tanzende, singende Zigeuner gezeigt", so Bogdal. "Das war aber die Botschaft: Die haben selbst Auschwitz überstanden. Das macht denen nichts aus. So sind Zigeuner."
Stereotype in den Köpfen - bis heuteÜberlebende Sinti und Roma werden nach dem Krieg skandalös behandelt. Wiedergutmachung wird ihnen verwehrt - oft von denselben Beamten, die sie ins KZ geschickt haben. Begründung: Zigeuner seien nicht aus rassischen, sondern aus polizeilichen Gründen deportiert worden. Erst spät in den 1960er Jahren wird das korrigiert. Auch die Literaten brauchen lange, bevor sie den Ausgegrenzten eine Stimme geben. Bis heute sitzen die Stereotype fest in den Köpfen, dienen als Argument für Ächtung und Ausgrenzung - nicht nur bei Rechtsradikalen. Die Ausgrenzung der Sinti und Roma ist für Bogdal ein "Musterbeispiel, an dem wir lernen können, wie Desintegration vor sich gehen kann - und zwar über einen langen Zeitraum. Wir sind doch heute auch die Weltmeister in Desintegration." Und wir können von Klaus-Michael Bogdal lernen, welche unrühmliche Rolle dabei die Literatur gespielt hat.