Presse - Hintergrund, Seite3 der "Heilbronner Stimme" am 25.Januar 2012:
Orbans Kurs spaltet Ungarns Gesellschaft
Lob von älteren Wählern, Proteste der Jugend
Von Gregor Mayer, dpa
Budapest Für ein demokratisches Land ist es höchst ungewöhnlich, dass die Massen für die gewählte Regierung auf die Straße gehen. In Budapest demonstrierten am vergangenen Wochenende mindestens 100 000 Menschen für „ihren“ Regierungschef Viktor Orban. „Die EU soll endlich aufhören, auf unserer Regierung herumzureiten“, forderte die mitmarschierende Software-Spezialistin Eszter Elekes. „Uns reicht es.“ Orban sei vom Volk gewählt, jetzt solle man ihn in Ruhe arbeiten lassen.
Demokratie-Abbau Tatsächlich vereinte Orban bei der Wahl 2010 53 Prozent der Stimmen auf sich – und errang aufgrund der Wahlarithmetik eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Diese hat er seither genutzt, um den Staat gründlich umzubauen. Die Medien nahm er an die kurze Leine. Mit einer neuen Verfassung zementierte er seine Macht über die laufende Legislaturperiode hinaus. Die EU prüft derzeit, ob einige der Veränderungen gegen die Verträge der Union verstoßen. In ausländischen Medien hagelte es – ziemlich unabhängig von der politischen Ausrichtung – heftige Kritik wegen des schleichenden Demokratie-Abbaus.
Aber auch in Ungarn selbst regt sich Widerstand. Rund 50 000 Menschen demonstrierten am 2. Januar vor der Budapester Oper, in der Orban und seine Getreuen das Inkrafttreten der neuen Verfassung zelebrierten. Sie mussten die Veranstaltung schließlich durch den Hinterausgang verlassen, während draußen die Menge „Viktator! Viktator!“ rief. Die Ereignisse der ersten Tage des neuen Jahres zeigen: Ungarns Gesellschaft ist gespaltener denn je.
Verehrung Die Orban-Anhänger, die sich auf der Straße zeigen, eint die fast schon kultische Verehrung für ihren Führer. Sie trugen nicht nur Orban-Bilder mit der Aufschrift „Wir lieben dich!“. Auffallend war auch, dass das Durchschnittsalter der Pro-Orban-Marschierer weit über 50 lag.
Die Orban-Gegner, darunter viele Jungwähler, werfen der Regierungspartei Fidesz Arroganz und Machtbesessenheit vor, aber auch soziale Kälte. Für ihre Aufrufe und Kampagnen nutzen sie Internet-Plattformen wie Facebook und You Tube. Ein Video-Clip mit der jungen Rapperin Dorottya Karsai („Das System gefällt mir nicht“), mit dem für eine Großkundgebung im Oktober geworben wurde, verzeichnete bei You Tube mehr als 650 000 Abrufe.