Sendung auf 3Sat3Sat heute 19:30
Viktor Orban eröffnete die Ausstellung
"Helden, Könige und Heilige" in Budapest.
Anfang 2012 ist in Ungarn eine neue Verfassung in Kraft getreten, die die Machtbefugnisse der regierenden rechtsgerichteten Fidesz-Partei erweitert, die Gewaltenteilung durch eine Justizreform in Frage stellt und die Rechte der Opposition einschränkt. Im Land und in ganz Europa nimmt der Protest gegen die Einschränkung der Freiheit zu. Regierungspräsident Viktor Orban hat derweil 15 Kunstwerke in Auftrag gegeben, auf denen die 1000-jährige ungarische Geschichte glorreich dargestellt ist. Dorottya Karsay macht immer wieder mobil gegen die Regierung Orban. Sie ist Aktivistin der Bewegung "Milla" und ein Gesicht des Widerstandes, ihr Lied "Nem Tetsik a rendzer", "Ich mag das System nicht", ist Ungarns Protesthymne und wurde auf Youtube mehr als 550.000 Mal angeklickt. "Wir haben riesige Probleme", sagt die Aktivistin. "Nach dem Ende des Kommunismus haben weniger Menschen das Land verlassen als heutzutage. Jeder sechste Ungar will ins Ausland, darunter sehr viele Junge." Sie aber will bleiben, hier etwas ändern. Und Widerstand regt sich.
Aushöhlung der Demokratie Anfang des Jahres 2012 gingen tausende aus Sorge um ihre 22 Jahre junge Demokratie in Budapest auf die Straße. Sie forderten Orbans Rücktritt und protestierten gegen die neue Verfassung. Die konnte Orban mit seiner Zweidrittelmehrheit mühelos durch das Parlament bringen. Die Rechte des Verfassungsgerichts werden erheblich geschwächt. Die Unabhängigkeit des Justizsystems beschnitten. Kritiker sagen, die Demokratie werde ausgehöhlt.Auch vor der Kultur macht der national-konservative Gestaltungswille nicht Halt. Im Neuen Theater in Budapest, wo noch erfolgreich Klassiker wie Schillers Don Carlos laufen wird ab dem 1. Februar 2012 ein neuer Intendant dafür sorgen, dass die Zitat "entartete liberale Übermacht" im ungarischen Kulturleben ein Ende findet.
György Dörner ist Schauspieler und ein glühender Sympathisant der rechtextremen Partei Jobbik, auf deren Veranstaltungen er auch ans Rednerpult tritt. "Dörner hat keine Erfahrung, weiß nicht einmal, wie ein Theater funktioniert", sagt Sandor Gaspar: "Wie man es organisiert, welche Verantwortung ein Intendant für seine Truppe hat, geschweige denn wie man einen Spielplan aufstellt. Es ist eine Schande." Der Bürgermeister von Budapest hat Dörner ernannt, doch hinter der hoch umstritttenen Personalie, das zumindest raunt man hier, steckt Viktor Orban.
"Helden, Könige und Heilige" Die Nationalgalerie zeigt zurzeit "Helden, Könige und Heilige" - ein Blick auf 1000 Jahre ungarische Geschichte. Voluminöse Olgemälde erzählen von großen Schlachten, tragischen und ruhmreichen Ereignissen. "Das ist eine kunsthistorische Ausstellung", sagt Gabor Bellak, Kurator an der Ungarischen Nationagalerie. "Ungarns historische Malerei ist mit sehr bedeutenden Bildern vertreten." Kenner und namhafte ungarische Künstler geben den Kurator recht. Trotzdem ist die Ausstellung hoch umstritten, denn es gibt eine zweite, die die zeitgenössische Geschichte behandelt. Diese Werke wurden von einem Getreuen Viktor Orbans in Auftrag gegeben. Sie liefern die Begleitmusik zur neuen Verfassung, die ebenfalls zu sehen ist. In der Präambel heißt Ungarn nicht mehr Republik Ungarn, sondern schlicht Ungarn. Mit Pathos und Stolz wird auf die 1000-jährige Geschichte verwiesen.
Einige Bilder haben es in sich. Eines vergleicht die Niederschlagung der Unruhen 2006, als die Sozialdemokraten regierten, mit dem Ungarnaufstand 1956. Den schlug bekanntlich die sowjetische Armee brutal nieder. Kritische Künstler haben empört eine Gegenausstellung organisiert. "Orbans Ausstellung ist Geschichtsfälschung mit dem Pinsel, von seiner partei finanziert." Orban selbst ist auf einem der Bilder verewigt. Als Redner fordert er auf einer Protestveranstaltung 1989 den Abzug der sowjetischen Truppen. Das ist wahr, wie Aufnahmen bezeugen. Ob es aber wirklich ein historischer Moment war, entscheidet die Nachwelt.
"Mich als Maler schmerzt es, dass Kunst zur politischen Illustration verkommt", sagt Norbert Csaszar. "So etwas wird in Diktaturen gemacht. Das haben wir zur Genüge gesehen - unter Mao oder Stalin." Klubradio, die letzte regierungskritische Station, die täglich eine halbe Million Ungarn hören, verliert im März 2012 die Lizenz. Sie geht an Schützlinge Orbans. Und ansonsten? Die wirtschaftliche Lage ist mies. Ungarn ist auf Ramschniveau und fast pleite. Es braucht Kredite aus Brüssel. Und Orban? Er bringt mit einem Gesetz die Unabhängigkeit der Zentralbank in Gefahr. Endlich wacht Brüssel auf und macht Druck. Orban lässt sich rüffeln und rudert zurück. So fügt es sich, dass Internationale Schützenhilfe kommt. Für Dorottya Karsay und all jene, die ihr Land lieben, aber das System nicht mögen.