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#1

Orange mit saurem Beigeschmack . Mit dem Buß von Wien nach Budapest

in Ungarn Reisen, Land & Leute 13.11.2009 17:16
von Peterbacsi (gelöscht)
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Von Gergely Kispál
Dienstag, 10. November 2009 Budapester Zeitung
11.15 Uhr, Flughafen Wien. Der Orangeways-Bus nach Budapest soll in fünf Minuten abfahren. Ein wenig beunruhigend, dass der „Komfortbus“ der privaten ungarischen Busgesellschaft noch nicht da ist, schließlich sind die auf dem ausgedruckten Online-Ticket vermerkten Beförderungsbedingungen recht streng (Einstieg 20 Minuten vor Abfahrt, da das Ticket sonst seine Gültigkeit verliert und Ähnliches). Natürlich kann eine Verspätung immer mal vorkommen, aber an der Haltestelle ist zwischen den Kursen nach Bratislava, Brno und in die Wiener Innenstadt keine Orangeways-Fahrt nach Budapest vermerkt. Wer weiß, ob man überhaupt richtig steht?

Ein Anruf auf die Orangeways-Hotline macht die Sache nicht besser: „Diese Nummer ist nicht vergeben“, heißt es da. Der vorrückende Zeiger der Uhr, die Müdigkeit und der peitschende Novemberwind lassen die Vermutung zur Gewißheit werden, dass man einer betrügerischen Firma aufgesessen ist, oder sich zumindest in der Haltestelle geirrt hat.
Bis schließlich mit 20 Minuten Verspätung der knallorange Bus in die Flughafenvorfahrt einbiegt. Noch einmal Glück gehabt, schlechte Laune gibt es gratis dazu. Aber dann ist alles ganz anders. Aus dem Bus steigt kein mürrischer Busfahrer, sondern eine lächelnde junge Frau, die einen mit Namen anspricht. Sie habe auch schon wegen der Verspätung angerufen, aber es sei keiner ans Telefon gegangen. Ach ja, das Handy mit der angegebenen Nummer liegt zu Hause auf dem Tisch.

Billigflieger
auf vier Rädern

Dann kommt doch noch der nur geringfügig mürrische Fahrer, packt den Koffer in den Bus, kassiert 300 Forint, und dann geht es schon an Bord des Busses. Von innen sieht er aus wie ein Billigflugzeug: In den Corporate-Identity-Farben gehaltene, pflegeleichte Ledersitze, eine quietschbunte Getränkekarte, jugendliches Publikum, das in der Wiener Innenstadt eingestiegen ist.
Die Fahrt kann beginnen, und es wird bald klar, dass sich die Macher von Orangeways tatsächlich bei den Low-Cost-Airlines umgesehen haben. Bis hin zu den Sicherheitshinweisen – bei Orangeways trägt man Sicherheitsgurt, und auch auf die roten Nothammer in den Fenstern wird hingewiesen – in der Landessprache (in diesem Fall Ungarisch) und auf Englisch ist alles irgendwie bekannt, auch das dominante Orange kann kein Zufall sein.
Aber dann bricht der Luxus aus, und der Reisende merkt recht schnell, dass er doch nicht in einem Holzklasse-Flieger sitzt. Warme Getränke werden kostenlos am Platz serviert, die Kopfhörer für das nicht besonders üppige Audioprogramm und den Film, der die ganze Fahrt über läuft, sind ebenfalls gratis, Erfrischungsgetränke und Bier kosten mit 200 Forint weniger als im Supermarkt. Lediglich das Drahtlosnetzwerk, das es an Bord geben soll, funktioniert nicht.
Orangeways, das dem ungarischen Millionär Ferenc Kedves gehört, war vor einigen Wochen in die Schlagzeilen geraten. Das Unternehmen hatte versucht, eine Lizenz für den Inlandsverkehr zu erhalten, um seine „Komfortbusse“ auf den wichtigen und lukrativen Strecken zwischen den Großstädten im Land und Budapest starten zu können. Die zuständige Behörde lehnte den Antrag unter offensichtlichem Druck der staatlichen Volán-Busgesellschaften ab. Und sie hatte – zumindest verkehrspolitisch – recht.

Gewinnmaximierung kontra
öffentliche Dienstleistung

Denn das aggressive orangefarbene Busunternehmen ist nur auf den ersten Blick attraktiv. Klar, das Volán-Netzwerk, das mit altersschwachen Ikarus-Bussen oder vermeintlich moderneren, gebraucht zusammengekauften Patchwork-Flotten Haltestellen mit Namen wie „Vörös Csillag TSZ“ („LPG Roter Stern“) oder „17. sz. italbolt“ („Getränkeausschank Nr. 17“) bedient, kann mit dem Service der Orangen nicht mithalten. Muss es aber auch nicht. Die Reisenden auf dem Land, wo Volán selbst das kleinste Sackgassendorf noch anfährt, brauchen auf ihrer zwanzigminütigen Fahrt in die nächste Stadt kein Wireless-Netzwerk, sondern einen Bus, der tatsächlich fährt. Im System Orangeways wäre das nicht machbar. Orangeways ist ein gewinnorientiertes Unternehmen, Volán eine öffentliche Dienstleistung und letztlich ein Instrument der Sozialpolitik. Man muss sich nichts vormachen: Die Lizenzvergabe an Orangeways wäre mittelfristig einer Privatisierung der lukrativeren Strecken gleichgekommen, den Volán-Gesellschaften, die derzeit oft noch schwarze Zahlen schreiben, wäre der traurige Rest geblieben. Dabei ist es im elementaren Interesse des ganzen Landes, dass es in den ohnehin von einer hohen Arbeitslosigkeit geplagten Dörfern zumindest theoretisch eine Möglichkeit gibt, zur Arbeit zu fahren. Demgegenüber könnte sich Volán in Sachen Kundenfreundlichkeit und Serviceorientierung einiges bei Orangeways abgucken – schließlich kostet das nichts, würde aber zum Erhalt des für ein staatliches Unternehmen bemerkenswert guten Images Einiges beitragen.
Wie sich die Fahrt von Wien nach Budapest für Orangeways gerechnet hat, bleibt indes ein Rätsel: Die im Bus verstreuten rund 15 Fahrgäste haben mit ihren Fahrscheinen zum Preis von je 1.500 Forint selbst bei viel Gepäck und ordentlichem Verzehr höchstens für 40.000 Forint Brutto-Einnahmen gesorgt – so viel kosten etwa die Autobahngebühren für Ungarn und Österreich.
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Bis später
Peter
Admi

Uj.Magyar@online.ms


Es stimmt nicht, daß alles teurer wird; man muß nur einmal versuchen, etwas zu verkaufen.


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